Parteilichkeit ist gefragt! Im Gespräch mit der Gruppe DEFMA

Seit 8. März 2008 bietet die Gruppe DEFMA, die ihren Namen aus den Schlagwörtern DIY, emanzipatorisch, feministisch, militant und autonom sowie vom Begriff „Definitionsmacht“ ableitet, Betroffenen sexualisierter Gewalt aus „linksradikalen“ bzw. sich als emanzipatorisch verstehenden Szenen ihre Unterstützung an. Im Interview erzählt DEFMA von ihrer Arbeit.

Was versteht ihr unter Definitionsmacht?
Unter Definitionsmacht wird im Allgemeinen eine feministische Strategie zur Stärkung von Frauen verstanden, die es ermöglicht, dass allein die Betroffene bestimmt, ob eine sexualisierte Grenzverletzung vorgefallen ist. (Sexualisierte) Gewalt wird aufgrund der persönlichen Geschichte, Gegenwart und Erfahrung von Betroffenen stets unterschiedlich erlebt, eingeordnet und eingeschätzt. Mit dem Instrument der Definitionsmacht ist es möglich, dass unabhängig davon, wie ein Übergriff aussah, einzig und allein die Betroffene eine Vergewaltigung oder einen sexualisierten Übergriff als solchen bezeichnet, denn das entspricht dann ihrer Wahrnehmung und ist als genau das zu akzeptieren. Dafür stehen und kämpfen wir als Gruppe.

Wie sieht eure Unterstützung aus?

Wenn uns eine Betroffene von ihren Erfahrungen erzählt, behandeln wir diese streng vertraulich. Sie kann sich anonym an uns wenden und/oder sich mit uns persönlich treffen. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem die Betroffene selbst definieren kann, was ihr passiert ist. Außerdem bieten wir z.B. Unterstützung beim Formulieren und Vermitteln von Forderungen an den Täter an. Wichtig ist, dass wir als Gruppe nur das machen, was die Betroffene ausdrücklich verlangt, und wir werden uns dafür einsetzen, dass ihre Wünsche auch von anderen respektiert werden. So können Betroffene Unterstützung bekommen, ohne sich Belästigungen durch definitionsmachtfeindliche Aussagen bzw. Aktionen aussetzen zu müssen. Wir werden aber niemals die Betroffene zu irgendetwas zwingen, über Art und Weise der Unterstützung durch DEFMA entscheidet sie ganz alleine.
Wir sind keine herkömmliche Beratungsstelle, keine PsychologInnen oder TherapeutInnen, sondern eine Gruppe, die für und mit Betroffenen innerhalb einer linken Szene parteilich agieren will. Wir versuchen Betroffenen Spielraum und Optionen anzubieten, die im staatlichen Rahmen nicht zu finden sind, und Schutz – zumindest was innerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Wenn eine Betroffene zum Beispiel wünscht, dass ein Täter aus bestimmten linken Freiräumen oder Gruppen ausgeschlossen wird, oder wenn er einfach gehen soll, wenn er sie irgendwo trifft, wollen wir uns darum kümmern, dass diese Forderungen umgesetzt werden.

In eurer Arbeit kommt es auch auf sensible Sprache an. Könnt ihr die Begriffe, mit denen ihr arbeitet, erklären?

Wir verwenden den Begriff „Betroffene“ in seiner weiblichen Form, weil wir sichtbar machen wollen, wer in den meisten Fällen die Betroffenen von sexualisierter Gewalt sind. Uns ist aber bewusst, dass es Betroffene aller Gender gibt und wir bieten unsere Unterstützung nicht nur für Frauen an. Ebenso verwenden wir den Begriff „sexualisierte Gewalt“ statt „sexueller Gewalt“ weil zweiteres impliziert, dass es primär um Sexualität ginge, was bei sexualisierter Gewalt aber nicht der Fall ist. Sie dient der Aufrechterhaltung und Herstellung von Machtverhältnissen, indem z.B. das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper der Betroffenen übergangen wird. Außerdem verwenden wir den Begriff „Täter“ in seiner männlichen Form, weil sexualisierte Gewalt hauptsächlich von Männern ausgeht. Wir wollen damit nicht verschweigen, dass auch andere Gender sexualisierte Gewalt ausüben können. Eine gendergerechte Formulierung könnte allerdings die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse in dieser Gesellschaft verschleiern.

Woran arbeitet ihr gerade?
Aktuell arbeiten wir gerade an einem Text zum Umgang mit Tätern aus dem eigenen Umfeld oder FreundInnenkreis. Einige von uns wollen auch Texte und Veranstaltungen zum Thema Zustimmung, ein anderes Beispiel von ganz praktischem Antisexismus, nämlich dem Einverständnis zu jedem einzelnem sexuellen Akt, organisieren. Plakate, Pickerl und Broschüren sind ebenfalls in Arbeit. Wir werden auf jeden Fall präsent sein und Schweigen im Umgang mit sexualisierter Gewalt innerhalb und außerhalb unserer eigenen Szenen bekämpfen!

Betroffene können sich unter defma(at)pulk.net an die Gruppe wenden.
Buchtipp: re.Action: Antisexismus_reloaded, Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt – ein Handbuch für die antisexistische Praxis, UNRAST Verlag, Münster 2007, 80 Seiten, ca. € 5,-.

Interview von Judith Götz, erschienen in: UNIQUE – Magazin der ÖH Uni Wien, 5/08 [www.unique-online.at/]