Linke Camps im Umgang mit Sexismus und Grenzüberschreitungen

Utopie und Verantwortung oder Jedes Jahr dieselbe Scheiße:
Die Herausforderung linker Camps im Umgang mit Sexismus und Grenzüberschreitungen

Der Sommer ist wieder da und somit sind linke/libertäre Camps (A-Camp, Grenzcamps, Antifacamps usw.) verstärkt Gesprächsthema und Teil der Urlaubsplanung. Camps ermöglichen Menschen aus verschiedenen Orten und Zusammenhängen sich zu treffen, zu vernetzen, weiterzubilden, andere Formen von Zusammenleben auszuprobieren und/oder Aktionen zu planen und durchzuführen. Camps sind inzwischen eine nicht mehr wegzudenkende Form der politischen Kommunikation und Praxis – das ist auch gut so!

Leider sind Camps auch oft Orte, wo sexualisierte Übergriffe vermehrt stattfinden – trotz vorgegebener emanzipatorischer Ansprüche und pauschalen (Lippen-?)Bekenntnissen zu einer antisexistischen Praxis. Eine Analyse, warum das so ist, würde den Rahmen dieses Textes sprengen.
Wir von DEFMA müssen jedenfalls feststellen, dass wir immer wieder über Übergriffe informiert werden, die im Rahmen von linksradikalen Camps stattgefunden haben. Weiters werden wir in diesem Kontext oft gebeten, Täter zu vermitteln, dass sie nicht zu spezifischen Camps kommen sollen. Wir gehen allerdings grundsätzlich davon aus, dass Täter an Camps teilnehmen, auch wenn das der Orga und den Teilnehmer_innen nicht bewusst ist/sein will. Weil so viele unterschiedliche Menschen, die einander nicht kennen, zusammenkommen und die Camp-Strukturen temporär aufgebaut werden, ist es besonders schwierig bis unmöglich ein Camp als „Safer Space“ zu gestalten.
Klar ist weiters, dass auch Orte, die sich gern als „Freiräume“ bezeichnen, nicht frei sind von Hierarchien, unsolidarischem Verhalten, Sexismus, Rassismus, Homophobie und dem ganzen anderen Scheiß.

Nichtsdestotrotz liegt es in der Verantwortung jeder Gruppe und allen Personen, die ein Camp organisieren oder daran teilnehmen, dieses möglichst antisexistisch, antirassistisch, antiheteronormativ, barrierefrei sowie frei von sonstigen Unterdrückungsmechanismen zu gestalten. Beispiele wie so etwas ausschauen könnte, sind Trauma Support/Out of Action und die Antisexist Contact and Awareness Group während der Proteste gegen des G8-Gipfels in Heiligendamm.**

Uns ist bewusst, dass nicht jedes Orga-Team die Ressourcen hat, um Support-Teams für jegliche Situation aufzubauen. Allerdings scheint es trotzdem wichtig, Überlegungen anzustellen, wie ein Camp als antisexistischer Raum gestaltet werden kann.
Sinnvoll können etwa FrauenLesbenMädchenTrans*-Schlafbereiche und –rückzugsorte sein, Aufhängen von antisexistischen Plakaten, Workshops zum Umgang mit sexualisierter Gewalt und Zustimmungskonzept, Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse oder designierte Menschen, an die mensch sich bei/nach Vorfällen wenden kann usw.

Das sind nur einige der Möglichkeiten, die Palette an erfolgreichen Optionen und Interventionen ist lang. Unabdingbar ist jedoch, dass unter den Organisator_innen Konsens darüber besteht, wie mit (sexualisierten) Übergriffen umgegangen wird und diesen Umgang schon im Vorfeld an (potentielle) Teilnehmer_innen zu kommunizieren.

Klar ist, dass diese Maßnahmen Übergriffe nicht vorbeugen können. Herangehensweisen wie die oben genannten zeigen allerdings eine gewisse Bereitschaft, sich mit Sexismus und sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen sowie Verantwortung gegenüber den Teilnehmer_innen zu übernehmen und einen Ort zu schaffen, wo sexualisierte Übergriffe nicht toleriert werden. Wenn Gruppen nicht einmal bereit sind, sich Gedanken dazu zu machen und einen Konsens bezüglich dem eigenen Umgang mit sexualisierten Übergriffen zu finden, sollen sie sich ernsthaft überlegen, ob sie es überhaupt verantworten können, ein Camp auf die Beine zu stellen.

Teilnehmer_innen müssen sich bewusst sein, dass sexualisierte Übergriffe nicht einfach durch (vage) Ansprüche wie z.B. „wir sind alle anarchistisch, warum sollten wir sexistisch sein“… verhindert werden können. Es wäre daher schön, wenn sich alle Teilnehmenden darüber im Klaren wären, dass ein antisexistisches und solidarisches Klima für jedes Camp einen notwendigen Teil gelebter linksradikale Praxis darstellt.

Sollte es zu Übergriffen kommen, unterstützt die Betroffene und ihre Definitionsmacht und macht klar, dass Übergriffe nicht toleriert werden!
Ein hierarchiefreier Raum kann nur dann entstehen, wenn jede_r einzelne dazu beiträgt.

In diesem Sinn – D.I.Y. or DIE!

Und übrigens: In unserer Utopie gibt es keine sexualisierte Gewalt!
Create Anarchy NOT MANarchy!

Zustimmungs- sowie Selbstverteidigungsplakaten können unter Material runtergeladen und ausgedruckt oder von uns abgeholt werden. Wir schicken sie euch auch zu!

Disclaimer: Die Gruppe DEFMA aus Wien wird heuer am A-Camp einen Workshop zum Thema Definitionsmacht, Parteilichkeit und Zustimmung machen und zwar am Dienstag, den 19. Juli 2011. Wir wurden nicht extra dazu eingeladen (wie beispielsweise beim Bike-Camp Ende Juli in Ottensheim/OÖ), sondern wir machen den Workshop eher aus unserer Wahrnehmung heraus, dass eine feministische und antisexistische Intervention am heurigen A-Camp sinnvoll erscheint.
Wir wollen allerdings dadurch nicht den Eindruck vermitteln, dass wir darüber hinaus am Camp beteiligt sind oder gar Unterstützungsarbeit vor Ort leisten – wir werden auch nur während des Workshops anwesend sein.

**Out of Action: http://www.outofaction.net
Antisexist Contact and Awareness Group
Auswertungsbericht der Antisexist Contact and Awareness Group

Die Ankündigung für unseren Workshop am A-Camp in Niederösterreich: defma-goes-a-camp